Hinterfragen: Hilfreich und tödlich

Ein scharf geschliffenes Messer der Rhetorik. Du kannst damit Gemüse schneiden und etwas Wundervolles kochen, du kannst damit aber auch Menschen töten.


Unser erstes Date

Stell dir vor, wir beide haben heute Abend ein Date. Du verspätest dich, weil ein paar Geschäfte im Bad mehr Zeit in Anspruch genommen haben.


Du kommst ins La Amore, ich sitz schon am Platz. Du schaust mich Freude strahlend an, denkst dir: "Endlich sehe ich ihn wieder, meinen Hübschen" und ich sage:


"Du bist zu spät"


Du bist schon leicht irritiert und sagst: "Ja es tut mir Leid, mir ist leider noch etwas dazwischengekommen, aber freuen wir uns doch jetzt auf unseren Abend".


Das reicht mir aber nicht: "Was ist denn der Grund, warum du zu spät bist?"


"Ähm ich hab etwas länger im Bad gebraucht, sorry"


"Warum hast du denn länger im Bad gebraucht?"


So, und spätestens jetzt wird es unangenehm? Warum? Du hast mir einen Grund für deine Verspätung genannt: "Ich habe länger im Bad gebraucht", aber ich hinterfrage diesen Grund jetzt nochmal.


Ich will den Hintergrund erfahren. Und unsere Hintergründe sind meistens unsere sehr intimen und privaten Beweggründe. Die gehen eigentlich keinen etwas an.


Das sind Gefühle, Gedanken oder Handlungen, die nur uns selbst etwas angehen. Vera Birkenbihl hat einmal treffend gesagt: "Hinterfragen tut nur der Psychologe oder die Familie!"


Jetzt wär das Hinterfragen ja eigentlich gar kein Problem, wenn wir einfach nicht darauf antworten würden. Aber - viele Menschen haben den Drang zu antworten. Einfach jemanden zu ignorieren, obwohl er mich angesprochen hat? Oft unmöglich.


Hat dich schon mal jemand, obwohl du es sehr eilig hattest, nach dem Weg oder um die Uhrzeit gebeten? Selbst wenn dieser Mensch nur einmal zu dir gerichtet "Entschuldigung, wie spät ist es?" sagt, fühlen wir uns angesprochen und haben den Drang zu reagieren.


Jetzt einfach unhöflich wegzuhören fühlt sich direkt unangenehm an. Ich glaube wir Menschen sind fast schon dazu erzogen worden: "Ich habe zu antworten". Selbst ein kurzes kleines verschämtes: "Ich habe keine Zeit" ist ja auch schon eine Antwort.


Das Ignorieren fällt uns einfach schwer. Aber wir sind keinem Menschen Rechenschaft schuldig.


Wenn wir andere Menschen nicht ignorieren wollen, dann sag offen und direkt: "Das beantworte ich nicht".


Am besten lernst du diesen Satz auswendig, wiederholst ihn jeden Tag und übst mental, wie du es antwortest! Niemand kann dich dazu zwingen, Gründe oder Hintergründe zu nennen, wenn du es nicht willst. - und wenn wir schon darüber sprechen, dass solche Fragen unangenehm sind, denk auch selbst bitte dran:


Die schönste Art und Weise, wie DU selbst das Hinterfragen bei anderen Menschen einleiten kannst ist:


"Darf ich das hinterfragen?"


Wir akzeptieren dann ein kurzes einfaches "Nein" unseres Gegenübers, wenn er sich denkt: "Nein, das ist mir unangenehm!" Von daher: wehr dich gegen das Hinterfragen mit einer klaren Aussage: "Das beantworte nicht" und lade wenn, dein Gegenüber dazu ein, frei zu entscheiden, ob es dir Hintergründe nennen will oder nicht. Ich hasse es, wenn Menschen mit Fragen unter Druck gesetzt werden.


Hinterfragen als Coaching Technik

Jetzt will ich das Hinterfragen aber auf keinen Fall insgesamt verteufeln. Das Hinterfragen ist nämlich auch ein großartiges Werkzeug. Wenn du selbst zum Beispiel Angst davor hast, einem Hinterfragenden zu sagen: "Das beantworte ich nicht", dann hinterfrage mal deine eigene Angst!


"Warum habe ich eigentlich Angst davor, diesen Satz zu sagen?", dein Grund: "weil mir das unangenehm ist" - jetzt hinterfrage deinen Grund weiter:


"Warum ist mir das denn unangenehm?" So und jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem, zur Ursache, zur Wurzel des Übels! "Tja, warum ist mir das unangenehm?


Weil das unhöflich ist, wenn man Fragen nicht beantwortet"


"Warum ist das unhöflich?" - Vielleicht merkst du jetzt selbst: "Das ist echt dumm zu denken, dass das unhöflich ist." Hinterfrage deine Probleme und Sorgen mit so vielen "Warums", bis du an der eigentlichen Wurzel angekommen bist.


Hinterfragen im Qualitätsmanagement

Das ist so ein großartiges Verfahren, dass es auch Experten im Qualitätsmanagement benutzen. Die sogenannte einfallsreiche "FIVE WHYS" Methode. Also die fünf-Warum-Methode.


Wenn irgendwo ein Fehler auftauchen sollte, dann frag dich fünf Mal warum dieser Fehler entstanden ist: So findest nämlich du den eigentlichen Grund heraus, warum dieser Fehler überhaupt erst entstehen konnte und: jetzt kommts: dadurch behebst du ein Problem nicht nur an der Oberfläche!


Stell dir zum Beispiel vor, du willst eine Fahrrad Tour machen! Aber kurz vorm Losradeln: du hast einen Platten: Amateure fragen sich nur: "Warum habe ich einen Platten?" und antworten sich dann: "Weil ich keine Luft mehr im Reifen hab!?" - Spontane Lösung: Nachpumpen.


Reifen voller Luft, du fährst fünf Minuten Fehler ist wieder da. Hättest du die FÜNF Warums gemacht, wäre stattdessen das hier passiert:


Erstes Mal: Warum habe ich einen Platten? Weil ich keine Luft im Reifen habe: Zweites Mal: "Warum habe ich keine Luft im Reifen" Du prüfst und siehst: "Ich habe ein Loch im Reifen": "Drittens: "Warum habe ich ein Loch im Reifen"?


Du siehst einen Nagel auf dem Boden liegen, Lochgröße passt zur Nagelgröße: Viertes Mal fragen: "Warum zur Hölle liegt hier ein Nagel?!": Du siehst eine offene Schachtel mit Nägeln:


"Warum ist diese Schachtel offen?" Du siehst Nagerspuren an der Schachtel. Dein platter Reifen ist dadurch entstanden, weil kleine Nager die Schachtel angefressen haben.


Bekommst du das Mäuseproblem in den Griff, packst du das eigentliche Problem an der Wurzel! Es ist wirklich wie wenn du Unkraut entfernen willst. Du musst es mit der Wurzel packen, sonst kommts immer wieder.


Von daher: Hinterfragen ist eine Wunderwaffe: es liegt an dir, wie du damit umgehen willst.

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